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"Ich saß der Zeit gegenüber und fragte: Was mache ich mit dir?...

  • Christine
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

... Die Zeit antwortete mir: Lebe und tu so, als würde ich nicht existieren"...

Fernando Medina Castelo

Ideas don´t need a passport and often cross borders of all kinds with impunity.

Seth Godin, The practice


Ich fahre in den Mangogarten, sagt der Bär,

weil in ein paar Tagen reisen wir ab und im Mangogarten ist noch viel zu tun.

Gute Idee, sage ich, ich gehe in die Werkstatt,

weil in ein paar Tagen reisen wir ab und in der Werkstatt ist noch viel zu tun.


Ich räume auf. Dabei halte ich Rückschau.

Es war ein guter Winter. Ich bin zufrieden.

Ich räume den Ofen aus und freue mich über die Ergebnisse.

Das ist nicht selbstverständlich.

Oft ist der letzte Ofen eine Enttäuschung.

Weil alles schnell gehen muss.

Weil ich ungeduldig bin und keine rechte Lust mehr habe,

mit den Gedanken schon ganz woanders bin.

Weil ich mir Dinge bis zum Schluss aufgehoben habe,

die ich schon viel früher hätte machen sollen.


Diesmal ist das nicht so.

Nach jahrelangem Experimentieren macht der Gasofen jetzt halbwegs, was ich will.

Wobei das natürlich so nicht stimmt.

Der Gasofen macht, was er immer macht.

Ich bin es, die von Mal zu Mal erkennt, wie ich das für meine Zwecke nutzen kann…

ich bin es, die lernt, immer weiter zu denken, immer mehr zu verstehen,

immer mehr Zusammenhänge herzustellen.

Apropos Zusammenhänge.


Ich gehe über den Ziegenberg.

Ich wandere durch den Nebelwald.

Ich klettere die steilen Pfade zum Meer hinunter.

Gehe. Sitze. Und schaue.

Rieche und höre, drehe mich immer wieder um, verweile.


Ich sammle Bilder, Gerüche, Geräusche und Gedanken,

die ich dann mit in meine Werkstatt nehme.


Wie die Sonne scheint oder wie es regnet,

wie der Wind weht oder der Nebel alles zudeckt.

Winzig kleine gelbe Blümchen.

Ein Spinnennetz.

Pilze.

Flechten und Moose.

Ein grüngesprenkeltes Amselei in einem Nest.

Der kleine Moosgarten auf dem Stein.

Die leuchtend roten Knospen der Zistrosenwürger.

Blüten, Blätter und Gräser.

Muscheln und Steine, Kakteen, Seetang und Agaven.

Blühende Kirschbäume, Mangobabies, schwarzer Sand, wilde Petersilie und Rucola. Vertrautes und Fremdes in großer Fülle.


Wenn ich Schalen machen möchte, die so sind wie die Bäume und Felsen,

wie das Gras, die Steine, die Muscheln, die Blumen und die Eukalyptusblätter,

dann muss ich herausfinden, wie sie ist, diese Insel.

Wie sie sich anfühlt, wie sie aussieht, wie sie riecht und welche Geräusche sie macht.


Wie die Wellen tosen und alles übertönen und man doch so ruhig wird,

während man ihnen zuschaut.

Wie man mit Regenhose und Anorak in Tiñor loswandert und es Meter für Meter wärmer wird, bis man am Meer ankommt und dort sogar schwimmen kann.

(Komm herunter, sagt der Bär im Mangogarten, hier ist es warm!

Gute Idee, sage ich, ich mach nur noch meine Henkel fertig…

ihr kennt ja diese Geschichten)


Wie das Licht durch die Äste der Bäume fällt.

Wie sich die Regentröpfchen auf den Piniennadeln sammeln.

Wie durch den Nebel alles viel dichter wird, die Welt viel kleiner wirkt.


Und was das alles mit mir macht.

Und wie ich das übersetzen kann.

In meine Arbeit.


Ich verwebe Wörter mit Bildern,

die Vergangenheit mit der Gegenwart,

Tausendblum mit Tiñor, meine eigenen Geschichten mit denen der Leute hier,

das Meer mit dem Wind, Tassen mit Eukalyptusblättern,

den Ziegenberg mit der Töpferscheibe, den Horizont mit den Formen meiner Schalen und meinen Gasofen mit den Steinen aus dem Vulkan.

Ich verwebe mich selbst mit dieser kleinen Insel, die so voller Kontraste ist.


Es ist die unglaubliche, verschwenderische Fülle der Natur,

das Davor und Dahinter, das Darüber und Darunter, die mich faszinieren.

Das Verwoben sein, das ineinander Übergehen,

die vielfältigen Oberflächen und Strukturen, es gibt von allem etwas,

kein Blatt und kein Stein, keine Blüte und keine Muschel gleichen einander.


Und der Horizont.

Immer und in alle Richtungen sieht man den Horizont.

Über dem Meer, über den Bäumen, über den Felsen…

immer trifft die Erde auf das Meer auf den Himmel.

Das Ende auf die Unendlichkeit.

Überall gibt es Ränder.

Und überall geht es weiter.


Ich mag Ränder.

(Den Rändern meiner Schalen widme ich besondere Aufmerksamkeit.

Ich poliere sie. Ich glasiere sie mit einer Extraschicht Farbe.)

Ich mag ihre Unregelmäßigkeiten und Kanten.

Sie laden dazu ein, sie zu erforschen und herauszufinden, was dahinter liegt.

Sie geben Kontur und Sicherheit.

Sie definieren einen Anfang und ein Ende.

Sie sind aber auch der Übergang zu den Rückseiten.

Und damit voller Überraschungen.

Die Rückseiten der Muscheln glitzern und schillern.

Die Rückseiten der Eukalyptusblätter haben oft eine ganz andere Farbe

als die Vorderseiten.

Wenn man Steine umdreht, stößt man auf seltene Schnecken.


Das Ende der Insel ist der Anfang des Ozeans.

Das Ende der Berge ist der Anfang des Himmels.

Und umgekehrt.

Die Perspektive steht uns frei.

Und doch geht es immer weiter.

Unser Horizont ist niemals ein wirkliches Ende.


Das Kapitel dieser Winterreise schließt sich.

Auch das ein Ende, ein Rand, ein Horizont.

Und zugleich ein Anfang.


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