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la mudada . die Winterreise . Leben zwischen den Welten

Wisst ihr, was Tiñor ist? Nein? Macht nichts.
Tiñor ist die kleinste Ortschaft auf der kleinsten Insel der Kanaren.

Mitten im Atlantik.
Dort steht das schönste Haus der Welt.

Unser Haus.

Unsere zweite Heimat.

​Mir ist kalt, sagt der Bär, ​​​​​​​​fahren wir ans Meer!

Gute Idee, sage ich, weil Meer ist immer eine gute Idee.

 

La mudada ist eine Tradition, die es auf El Hierro

bis weit ins letzte Jahrhundert gegeben hat.

Im Winter ist die ganze Familie mit Sack und Pack, Esel, Großeltern und Hausrat

in die wärmeren Ebenen am Meer gezogen.

Weil es dort schon Gemüse gab und Gras für die Tiere.

Im Sommer sind dann alle gemeinsam wieder auf den Berg übersiedelt.

Weil es unten zu heiß war.

Ein bisschen wie die Weidewirtschaft bei uns in den Alpen.

 

Wir wechseln auch.

Vom Norden in den Süden.

Von hier nach dort.

Und wieder zurück.  

 

Im Herbst packen wir die Koffer und ziehen in den Süden.

Im Frühling kommen wir zurück.

Wir haben alles dabei.

Den Hund, die Wanderschuhe und die Schnorchelbrille.

Je eine Werkstatt hier und dort. Werkzeuge zum Mauern bauen und Dach renovieren für den Bären, Ton, Farben und Brennofen für mich.

Wir schleppen das nicht jedes Mal alles hin und her, das nicht.

Aber was wir im Koffer haben, ist schon manchmal bemerkenswert:

diverse kuriose Materialien, Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände in die eine,

Bilder, Tassen, Erdäpfel, und Mangos in die andere Richtung.

 

Vieles bleibt gleich, El Hierro ist nicht der Urwald, es gibt Strom, Wasser und Internet.

Und unsere persönlichen Rucksäcke haben wir sowieso immer dabei,

es ändert sich nicht das ganze Leben, weil man ein paar Kilometer in den Süden fährt.

 

Veränderungen passieren meistens langsam, kaum spürbar.

Das tun sie auch bei uns.

Und doch.

Es gibt ein Datum, einen Zeitraum, eigentlich zwei Zeiträume, den Sommer und den Winter. Gewissermaßen sortiert sich unser Leben in diese Zeiträume.

Die alltäglichen Abläufe sind ein bisschen anders.

Der Tagesrhythmus ist anders.

Die Menschen, die uns umgeben, sind andere.

 

Manches wird intensiver. Anderes verliert sich.

el taller de la jirafa . die Giraffenwerkstatt

 

In Tiñor ist alles anders. Auch und vor allem in der Werkstatt. 

Alles viel kleiner, von allem viel weniger und ... naja, eben alles anders:

andere Materialien (es ist nicht ganz einfach, keramische und künstlerische Materialien nach El Hierro geliefert zu bekommen), andere, zum Teil niedrig brennende Tonmassen, andere Glasuren, viele kleine Reste von diversen Rohstoffen, Engoben und Glasuren, die mir eine befreundete Keramikerin überlassen hat und von denen ich erst einmal herausfinden muss, welche Farben sie haben und was man damit machen kann...

Ein Gas- anstatt der Elektroöfen, die hohe Luftfeuchtigkeit, die es manchmal unmöglich macht, den Ton zu trocknen, die Tatsache, dass hier wirklich sehr wenige Leute vorbeikommen und es daher wirklich überhaupt keinen Sinn macht, Dinge in großer Menge zu produzieren - aber wie bitte soll man experimentieren, ohne zu produzieren???

Viele Herausforderungen.

Aber.

Die Ruhe.

Tagelang ist hier nichts los. Ideale Voraussetzungen für hochkonzentriertes Arbeiten. 

Die Natur.

Unendliche Inspiration, Farben, Strukturen, Formen, Bäume, Steine, Himmel...

und das Meer. 

Die Eukalyptusblätter.

Diese  - in meinen Augen - absolut perfekten Wunderwerke der Natur sind zu einem Sinnbild meiner Arbeit geworden... ich habe eine ganze Saison Blätter genäht und bei jeder meiner Wanderungen über die Insel sammle ich welche auf... 

Die Freiheit.

Ich beginne jede Saison ganz bewusst ohne einen konkreten Plan - neugierig darauf, was entstehen wird, welche Prozesse, Materialien, Projekt mich beschäftigen werden - überlasse mich meinen Ideen und den Anregungen, die ich finde, ohne danach gesucht zu haben und überrasche mich auf diese Weise immer wieder selbst. 
 

Jeden Winter vertiefe ich mich aufs neue in meine künstlerische Arbeit.

Konzentriert. Fokussiert .

Experimentell. Spielerisch. 

Ohne Zeitdruck. Ohne Ablenkung. 

Ich probiere Techniken und Materialien, töpfere, klebe, nähe und male, entwickle Projekte und Formate und lasse die Vögel in meinem Kopf fliegen.

Es sind immer wieder sehr unterschiedliche Dinge und Themen, die mich beschäftigen und doch stelle ich am Ende der Saison jedesmal fest, dass und wie alles zusammenhängt...

... und mache mich mit einem Schatz von Ideen und Erfahrungen auf den Weg in den Norden, um herauszufinden, wie sich das alles dort umsetzen lässt... Es ist ein Prozess. Es ist ein Weg.

Es ist eine Reise. 

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