stellt euch vor, es ist Ausstellungseröffnung und keiner geht hin...
- Christine
- 10. Nov.
- 3 Min. Lesezeit

... auch das gehört offenbar dazu...
... zu spät eingeladen, das Thema zu sperrig, rundherum zu viel los, einfach Pech gehabt?
Wie auch immer, ich hab einen Text zur Ausstellung geschrieben und den könnt ihr hier lesen:
Meine Kunst ist immer auch Erinnerungskunst.
Ich arbeite mit Altem und Weggeworfenem,
nicht mehr Gebrauchtem und Vergessenem…
Manchmal quasi nebenbei:
Ich verwende wiederaufbereiteten Ton.
Glasurreste aus dem Abwaschkübel.
Bemale die eine Tonsorte mit Resten der anderen.
Öffne meine gebrauchten Teebeutel und benutze das Papier in Collagen und auf Objekten.
Zeichne auf gebrauchte Kaffeefilterpapiere.
Manchmal ganz bewusst:
Ich verarbeite Skizzen meines verstorbenen Großvaters zu Collagen.
Ich drucke für eine Freundin Seiten eines alten handgeschriebenen Kochbuchs ihrer Großmutter auf Teller und Becher.
Ich verwende heruntergefallene Blätter, alte Dokumente, Briefe und Fotos in meinen Collagen und Installationen.
Ich drucke Libellen, weil sie mich daran erinnern, dass ich fliegen kann.
Und weil ich das in der Hektik des Alltags manchmal vergesse…
All diese Dinge erzählen Geschichten.
Ich erzähle sie weiter.
Ich erzähle sie neu.
Sie verbinden sich mit meiner eigenen Geschichte.
Es geht um Menschen und Begebenheiten.
Es geht um Ränder und Grenzen, Rückseiten, Löcher und Verletzlichkeiten,
Aufbewahrtes und Vergessenes.
Beziehungen, Verstrickungen und lose Enden.
Es geht um das Leben.
Und den Tod.
Wenn ich Urnen baue, sind es manchmal „nur“ einfach Gefäße.
Ich folge einer Form, einer Farbe oder einem Material,
wie ich es bei einer Schale oder einem Teller auch tue.
Ich beginne mit einer Idee, überlasse mich dem Gestaltungsprozess
und begebe mich auf eine Reise:
die Reise der drei.
Das Material, ich und das, was daraus entstehen kann
Wenn ich Urnen baue für jemanden, den ich kenne oder gekannt habe
oder gemeinsam mit jemandem für jemanden, den der- oder diejenige gekannt hat,
dann sind es die Erinnerungen, die unsere Reise begleiten.
Die Reise der drei.
Du, ich und das Darüberhinausgehende.
Wünsche der oder des Verstorbenen vielleicht.
Besondere Eigenheiten.
Lieblingsfarben.
Eigene Gedanken, Wünsche und Gefühle im Zusammenhang mit diesem Menschen. Traurigkeit.
Freude. Erleichterung. Wut.
Die Reise der Entstehung einer solchen Urne ist immer auch von Gesprächen, Erzählungen, Erinnerungen begleitet.
Über diese Dinge zu sprechen fällt uns oft nicht leicht.
Als ich meine Mutter kurz vor ihrem Tod fragte,
ob ich eine Urne für sie bauen darf, bekam ich zunächst keine Antwort.
Ein paar Tage später sagte sie - nur in einem Nebensatz -
„Ich möchte Margariten auf meiner Urne“.
Das war der vertrauensvolle Auftrag, die Bitte an mich.
Viel mehr wurde nicht gesagt,
und doch ist in diesen wenigen Worten eine ganze Lebensgeschichte enthalten.
Und hätten wir nicht über diesen Umweg darüber gesprochen
wäre es uns vielleicht gar nicht gelungen.
Wir erinnern uns an Vergangenes.
Reisen, Erlebnisse, „als die Kinder noch klein waren“…
nicht immer ist Erinnern mit Tod und Trauer verbunden.
Wir sammeln Erinnerungen aller Arten.
Souvenirs, Fotos, Gegenstände, die für uns mit einer Geschichte verbunden sind.
Wir gestalten Fotoalben, bewahren Fußabdrücke von Neugeborenen,
lieben Honig, weil er uns an unsere Großeltern erinnert…
Wir erinnern Menschen, Begebenheiten oder Dinge, die es so nicht mehr gibt.
Sammeln sie in unserer Erinnerungsschatzkammer.
Und bewahren sie dadurch.
Jede und jeder von uns hat seine ganz eigenen Wege der Erinnerung.
Mein Ziel ist es nicht, zu dokumentieren, zu interpretieren oder zu forschen.
Es geht mir nicht um das „vor dem Vergessen bewahren“
oder gar um die Unsterblichkeit.
Ich gestalte mit Erde, Wasser Luft und Feuer,
mit Farben und Blättern, Papieren, Draht, Dokumenten und Fotos.
Vernähe, vernetze und verbinde.
Altes und Neues.
Vertrautes und Fremdes.
Kultur und Natur.
Um der Schönheit von Vergänglichkeit, Unperfektheit und Zerbrechlichkeit eine Bühne zu geben.
Meine Kunst ist mein Weg der Erinnerung.
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