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“Start where you are. Use what you have. Do what you can.”

  • Christine
  • 25. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Arthur Ashe


…Und dann lauf ich plötzlich los mit dieser neuen Kraft und wachse hinaus…

über die, die ich glaube zu sein ... zu der, die ich bin.

Agnes Pfeffer, „Verwurzelt schwebe ich“


An- und Zurückzukommen ist manchmal gar nicht so einfach.

Man stellt sich vor, man kommt in die Werkstatt, räumt ein bisschen auf

und startet das nächste Projekt.

Aber. Nicht ganz.


Aufräumen ja.

Aber das nächste Projekt… ja, was denn eigentlich?


Im letzten Jahr habe ich viel experimentiert.

Eukalyptusblätter genäht, Drucktechniken ausprobiert, Proben gebrannt,

trainiert, richtig große Teller zu drehen.

Ohne wirklich zu wissen, wohin mich das führen wird.

Mein Projekt war die Technik, der Schwerpunkt lag auf dem Üben.

Auch in den Kursen haben wir hauptsächlich geübt.


„Die Reise der Drei“ als Jahresthema stand für

die Begegnung der Person mit dem Material.

Für das sich auf den künstlerischen Weg machen.

Auf eine sehr persönliche, einzigartige Weise.


„Verwurzelt schweben“ soll das Motto für dieses Jahr sein.

Die Reise geht weiter.

Auf den Grundlagen dessen, wer wir sind, was wir können und was wir gelernt haben,

wagen wir es, uns in die Lüfte zu erheben.

Verwurzelt zu schweben.


Dieses Jahr möchte ich den Fokus - auch in den Kursen -

auf ein Konzept für den gesamten Prozess und auf die fertige Arbeit legen.

Immer experimentell, das schon, aber eben doch mit einem klaren Ziel.

Was auch immer aus diesem Ziel wird, unterwegs.

Pläne können sich ändern.


Soweit so gut.

Aber wo beginnen?


Zu Beginn hat man immer das Gefühl,

jetzt gleich etwas ganz Großes, besonders Gutes machen zu müssen.

Aber.


Zuerst Zentrieren.

Dann öffnen.

Danach Hochziehen.

...

Es scheint sich herumgesprochen zu haben,

dass es hier in Tiñor eine Keramikwerkstatt gibt.

Immer wieder schauen Leute vorbei oder schreiben mich an,

ob sie vorbeikommen können.


Die allermeisten kaufen dann eine Tasse.

Meine Tassen reisen so in alle Welt.

Nach Polen, Schweden, Holland, Italien oder Deutschland.

Es sind ja meist Touristen, die hier vorbeiwandern.


Aber auch die Nachbarn sind neugierig.

Dann übersiedeln meine Tassen nach Isora, nach Valverde und nach La Frontera.


Fast immer sind es Tassen, die sich auf die Reise begeben.

Selten Schalen oder Teller. Fast nie Bilder.


Ich finde es schön, wenn meine Tassen sich auf der Insel und in aller Welt verteilen

um dort jeweils Teil des Alltags von jemandem zu werden.


Ich mag es, wenn mir die Leute erzählen, warum genau diese Tasse so gut passt. Wegen der Größe. Weil sie sich so gut anfühlt.

Weil sie innen grün und außen blau ist.

Weil der Ton die Farbe des kleinen Hundes hat,

der zu Hause bei der Mama in Polen bleiben musste.

Weil sie haargenau zum Vorhang in der nordschwedischen Küche passt.

Oder weil die Tochter, der Enkel, die Kollegin schon immer einmal auf die Kanaren (oder nach Wien) wollte und sich eine Tasse von hier als Mitbringsel da doch wahrlich anbietet.


Bei der Auswahl lassen sich die Leute Zeit.

Schauen, fühlen und kramen.

Plaudern und erzählen.

Fragen.

Entschuldigen sich für ihre Neugierde und fragen weiter.

Entschuldigen sich auch dafür,

dass ihnen die eine Tasse weniger gut gefällt als die andere.

Dabei ist es doch genau das, was ich so spannend finde:

Wie wird die Sache ausgehen?


Als Rucksacktourist - und das sind die meisten hier - kann man nicht viel mitnehmen, da soll es doch wirklich und auf jeden Fall genau die richtige Tasse sein.

Wir gustieren also gemeinsam.


Auf die Frage „welche soll ich nehmen?“ antworte ich meist

mit einer Beschreibung der Details oder der Geschichte zur jeweiligen Tasse

(denn eine Geschichte gibt es fast immer):

"Diese ist etwas größer, die andere dafür bauchiger.

Sie erinnert mich an die antiken Formen, die ich hier im Museum gesehen habe.

Hier hat der Henkel eine besonders schöne Form und

dort gibt es eine Unregelmäßigkeit am Rand, die von einem kleinen Steinchen kommt, das offenbar in den Kübel gefallen ist und dann

beim Drehen seine Spuren hinterlassen hat.

Auf dieser Tasse sind Lunares, ich habe die Glasuren ausprobiert,

die mir Stefanie überlassen hat, auf der anderen ist der Abdruck eines Blattes,

das ich am Ziegenberg gefunden habe.

Hier war ich von der Schönheit der Eukalyptusblätter inspiriert,

dort von den Wundern der Unterwasserwelt. Oder vom Vollmond."


Wenn wir gemeinsam so genau hinschauen, mit den Augen, mit der Phantasie

und mit den Fingern, fällt die Entscheidung meistens ganz leicht.


Eine Besucherin nimmt zwei kleine Schälchen in die Hand

und fragt mich, was ich hineintun würde.

„Eine kleine Portion Joghurt mit Maracujas aus dem Mangogarten,

ein paar Nüsse, oder Farben, die ich anmische…“, ist in diesem Fall meine Antwort.

Die Frau strahlt: „Ich könnte auch Tee daraus trinken!“,

und nimmt die beiden mit nach Holland.


Es klopft an der Tür, es ist Dirk, der meint,

er sei jetzt schon dreimal vorbei gegangen und nie sei jemand da gewesen.

Er würde ja gerne eine der Tassen mitnehmen, die vor der Tür stehen,

aber er hätte die Kassa nicht gefunden, in die er das Geld legen könnte

(gute Idee übrigens, ich werde einen Briefkasten besorgen!).

Ich erkläre, dass ich hier keine regelmäßigen Öffnungszeiten habe

weil die Zeit hier auf der Insel ganz und gar mir gehört.

Dirk findet das gut und zwei Tassen reisen nach Norddeutschland.


Anna kommt zufällig vorbei und beschließt spontan,

für ihre Kollegin, die Geburtstag hat, eine Tasse mitzunehmen.

Sie überlegt lange und ganz genau, was am Besten zu ihrer Freundin passt.


Jorge kann sich nicht entscheiden,

ob er die große oder lieber die kleinere blaue Tasse nehmen soll.

Schließlich nimmt er die kleinere, weil ihm einfällt, dass seine Großmutter aus den Blättern, deren Abdrücke sie zieren, immer Tee gekocht hat.


Ein alter Herr aus Italien, der hier mit seinem Sohn Urlaub macht,

erzählt mir, dass er von jeder seiner Reisen eine Espressotasse mitnimmt.

(Ich verstehe sein Italienisch erstaunlich gut!)

Und jetzt möchte er eine aus El Hierro.

Gemeinsam finden wir eine geeignete.


Tassen sind Alltags- und Gebrauchsgegenstände.

Jede.r benutzt sie. Und jede.r verbindet damit ganz individuelle Vorlieben,

Bedürfnisse und Gewohnheiten.

Eine Tasse auszuwählen kann sehr persönlich sein.

Es ist, als würden die Leute mir eine kleine Geschichte aus ihrem Leben erzählen.

Und mit den Tassen immer auch eine kleine Geschichte mitnehmen.


...


Ich drehe also Tassen.

Nicht das ganz große, innovative Projekt, von dem ich träume, das gebe ich zu.


Aber je mehr Tassen ich drehe, desto besser gefällt es mir,

auf der Basis von etwas so Alltäglichem meine Geschichten zu erzählen.

Weil ich auf diese Weise verwurzelt - von etwas ausgehend, das ich gut kann,

mit einer Form, die aufgrund ihrer Bestimmung trotz allem klare Vorgaben hat -

phantasievoll schweben kann.

...


P.S.1: Agnes Pfeffer ist eine Verwandte von mir, deren Gedichtsammlung

"Verwurzelt schwebe ich" ich mit ihrem Einverständnis zitiere und die im Oktober anlässlich der gemeinsamen Ausstellung auch selbst aus diesem Buch lesen wird.

Danke, Agnes!


P.S.2: Und hier ist der Link zum aktuellen Newsletter: Post aus 1000blum via Tiñor

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