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Wer nicht denken will, fliegt raus! *

  • Christine
  • 29. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

はい, [hai], sprach Osada das wohl bekannteste japanische Vokabel aus,

das nicht nur einfach Ja oder die Bejahung einer Sachlage bedeutet, sondern als Füllwort den Gesprächspartner auffordert, weiterzureden, ohne dass damit zwingend eine Zustimmung zum Gesagten gemeint war. (H. Steinfest, Sprung ins Leere)

 

Vormittags arbeite ich meistens in der Werkstatt.

Hier wie dort.

Auch wenn das hier ein bisschen anders ist als dort.

Langsamer.


Das liegt am Wetter. Genauer gesagt an der Luftfeuchtigkeit.

Alles dauert viel länger, nichts wird trocken.

Abdrehen geht erst nach ein paar Tagen.

Brennen sowieso nur mit Vortrocknen.

Und während ich also warte, bis der richtige Zeitpunkt für den nächsten Arbeitsschritt gekommen ist, mache ich etwas anderes.

Ton kneten. Schneidwerkzeuge testen. Erdpigmente sammeln.

Solche Sachen.


Es liegt auch an der Nachfrage.

Natürlich könnte ich mehr Tassen drehen, während ich darauf warte,

dass die anderen trocken werden.

Aber.

Wozu?


Es liegt auch an mir.

An meiner Planlosigkeit.

Keine Bestellungen, keine Aufträge, keine Liefertermine, kein Plan.

Obwohl.


Es gibt Themen, an denen ich arbeite, weil sie in mir arbeiten.

Ich habe Projekte, an denen und Materialien, mit denen ich arbeiten möchte.

Und ich habe Zeit.


Ich habe Zeit, Dinge zu tun, weil es mir Freude macht und nicht, weil es sein muss...


... weil es mir Freude macht, zu spüren, wie sich der Ton verändert, wenn ich ihn knete,

wie sich meine Kraft und Energie auf das Material übertragen,

wie jede neu aufbereitete Tonmischung sich immer wieder anders anfühlt

und wie dann auch das Ergebnis anders wird.

... weil es mir Freude macht, hinzuspüren, wie dünn ich den Ton hochziehen kann,

wie ich die Wandstärke, die Höhe, die Form ein kleines bisschen variieren kann

und wie viel Unterschied diese winzig kleinen Variationen machen können.


Ich habe Zeit, nachzudenken, bevor ich mit einem Projekt beginne...


... darüber nachzudenken, was ich eigentlich sagen oder zeigen möchte,

in welche Richtung es gehen soll.

Worte und Gedanken zu sammeln,

Themen mit Materialien, Techniken und Werkzeugen zu verbinden.

Noch einmal nachzudenken.

Ideen wachsen zu lassen.

Und mich von Ideen zu verabschieden.

Je nachdem.

 

Ich habe Zeit, Dinge auszuprobieren...

... sieben Becher zu drehen und nur einen davon zu brennen.

... eine Tonmischung erst einmal bei allen Brenntemperaturen zu testen bevor ich sie verwende, obwohl es nur ein paar Kilogramm davon gibt.

... unterschiedliche Formen aus der dünnen Tonwand zu schneiden

auf der Suche nach der passenden Form für...

ja, wofür eigentlich?


Ich habe Zeit, das zu tun, was ich normalerweise unterrichte...

... langsam werden.

Im Körper ankommen.

Die Kraft spüren und das Material.

Impulse setzen. Reaktionen spüren.

Nicht auf das Ergebnis fokussieren, sondern auf den Prozess.

Einen Rhythmus finden.

Das Eigene suchen.


Ich habe Zeit, weiter zu machen...

... einfach immer weiter zu gehen, geleitet von spontanen Einfällen,

die ganz und gar nicht unbedingt immer gut sein müssen.

Weiter.denken.

Weiter.leben.

Weiter und weiter.

Weiter und breiter.

Weiter und tiefer.

Abtauchen in eine Idee, eine Technik, ein Thema.


Fast jede Forschung ist die Entdeckung von etwas ganz anderem als dem, was man zu finden oder zu lösen erhofft hat. Wozu die Fähigkeit nötig ist, das Unerwartete hinter dem Erwarteten zu erkennen, das Nebenprodukt neben dem Hauptprodukt und wie sehr das Nebenprodukt zur eigentlichen Erkenntnis führt. (H. Steinfest, Sprung ins Leere)


Ich weiß nicht immer, wonach ich eigentlich suche.

Aber.

Ist das wirklich so wichtig?



P.S.1: Ich habe auch Zeit, zu lesen,

mich von Worten und den Bildern, die daraus entstehen, ver- und entführen zu lassen.

Und die Gedanken, die dabei entstehen, weiterzudenken.


P.S.2: *dieses Zitat von Joseph Beuys stammt hier ebenfalls aus dem schon mehrmals zitierten Buch von Heinrich Steinfest.

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